Gendern

Gendern in Texten – Teil 1: Warum überhaupt gendern?

Tabea Häcker Arbeitswelt, Schriftverkehr, Textverarbeitung, Wissenswertes Kommentar hinterlassen

Das Thema „Gendern“ polarisiert – kommt man darauf zu sprechen, haben sehr viele ganz schnell eine klare Meinung. Die einen halten es für Humbug, von Verhunzung der deutschen Sprache ist die Rede, von sprachlicher Überkorrektheit, welche die Gleichberechtigung von Männern und Frauen auch nicht voranbringt – es ist nervig und übertrieben.

Andere sehen darin eine gute Chance, die Rolle der unterschiedlichen Geschlechter zumindest sprachlich auf ein Niveau anzugleichen und die Wahrnehmung an ein selbstbestimmtes, gleichberechtigtes Leben zwischen den Geschlechtern zu stärken. Einer Studie des Rheingold Instituts in Kooperation mit der Employer-Branding-Agentur Castenow zufolge halten 44 Prozent der Befragten die Führung einer Diskussion für wichtig und gerechtfertigt, insbesondere junge Frauen sehen im (sprachlichen) Gendern einen wichtigen Ansatz, da sie die „Ansprüche auf Gleichberechtigung“ noch lange nicht erfüllt sehen. Allerdings gaben die Befragten auch an, dass vielen der Sinn und die Absicht des Genderns nicht klar sei und dass das Gendern schnell zum „Stellvertreterkrieg für gesellschaftliche Gaps“ werde. (Quelle: planung&analyse)

Aber wie korrekt gendern? Wirkt und verändert die sprachliche Angleichung auf unser Denken? Diesen und weiteren Fragestellungen möchte ich in meinen Beiträgen auf den Grund gehen. Das Phänomen Gendern soll hier zunächst definiert werden, über Forschungsergebnisse wird berichtet, sowie  Vor- und Nachteile erörtert werden. Im letzten Beitrag werden dann konkret Hilfestellungen und Lösungsvorschläge mit zahlreichen Beispielen gegeben.

Definition

Die eingedeutschte Wortbildung „Gendern“ oder auch „Gendering“ kommt aus dem englischen Sprachgebrauch und bedeutet so viel wie „Geschlecht“ im Sinne von „Vergeschlechtlichung“. Im allgemeinen Sinne bezeichnet das Wort „[…] die Berücksichtigung oder Analyse des Geschlechter-Aspekts in Bezug auf eine Grundgesamtheit von Personen oder Daten, etwa in Wissenschaft, Statistik und Lehre.“ (Quelle: Wikipedia)

Im deutschen Sprachgebrauch meint der Begriff vor allem den „geschlechterbewusste[n] Sprachgebrauch, der die Gleichbehandlung der Geschlechter in der schriftlichen und gesprochenen Sprache zum Ausdruck bringen will“ (Quelle: Wikipedia). Der Duden geht hier konkret auf die Sprachbildung ein und definiert Gendern als „bestimmte(s) sprachliche(s) Mittel […], um Menschen aller Geschlechtsidentitäten sprachlich sichtbar zu machen“ (Quelle: Duden).

Warum Gendern?

Meines Erachtens kommt es beim Gendern nicht darauf an, sich an strikte grammatikalische Regeln zu halten und Sprache unnötig zu verkomplizieren (in meinem nächsten Blogbeitrag zum Thema „Gendern“ werden Sie sehen, dass es gar nicht so schwer ist, dies umzusetzen). Überall ringen wir in Deutschland um die Gleichberechtigung und Gleichstellung zwischen Männern und Frauen (und selbstverständlich nichtbinäre Menschen). Von Gehaltsanpassungen ist die Reden, von Quotenfrauen, von gerechter Verteilung der Aufgaben im Haushalt und der Familie, von mehr Gleichberechtigung von Frauen in der Ausübung von Kirchenämtern etc. Natürlich ist das ein herber Eingriff in eine immer noch männlichen oder zumindest von Männern etablierten und geprägten Gesellschaft – der Frauenanteil in Deutschland machte 2018 bei rund 83,0 Millionen Einwohnern 50,7 Prozent aus (Quelle: bpb), höchste Zeit also, in Texten auch diese Mehrheit direkt anzusprechen.

Entgegen aller Argumente gegen das Gendern, das unsere Sprache (vermeintlich) unnötig verkomplizieren und als künstlicher Eingriff in die deutsche Sprache interpretiert werden kann, spricht vor allem dafür, dass gesprochene Sprache sehr wohl einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung, unser Denken und unser Handeln hat.

Natürlich mein das generative Maskulinum alle Geschlechter, aber wird das von Zuhörer*innen und Leser*innen auch so „mitgedacht“?

Bei einer im Jahr 2001 durchgeführten psycholinguistischen Studie wurden Probanden und Probandinnen etwa die Frage nach Idolen des Sports gestellt. Die erste Gruppe der Proband*innen erhielt die Frage nach dem „Lieblingssportler“, die zweite Gruppe nach „dem Lieblingssportler und der Lieblingssportlerin“. Die zweite Gruppe gab viel mehr weibliche Sportler an, als die erste.

Ein weiterer Test, der mit Grundschulkindern in Deutschland und Belgien durchgeführt wurde, bei dem die Kinder, wieder in zwei Gruppen geteilt, nach ihrem Wunschberuf gefragt wurden, spiegelt ein ähnliches Ergebnis wieder. Die Kinder sollten angeben, für welche Berufe sie sich interessieren, dabei wurden der ersten Gruppe die Berufe nur in der männlichen Form genannt, der zweiten Gruppe in der männlichen und weiblichen Form. Die Mädchen der zweiten Gruppe trauten sich öfter, auch „typisch“ männliche Berufe zu ergreifen – übrigens trifft das auch auf die Jungen zu, die sich bei der Nennung in der maskulinen und femininen Form eher zutrauten auch „typisch weibliche“ Berufe wie „Geburtshelfer und Geburtshelferin“ ausüben zu können. Deutlich zu sehen ist dabei, dass eine männlich geprägte Sprache zu einem „männlich geprägten Blick auf die Dinge“ führt (Quelle: Leschs Kosmos).

Bei im generischen Maskulinum formulieren Sätzen stellen sich die meisten Menschen also vor allem Männer vor. Unsere Welt stellt sich also „nicht so divers dar, wie sie heute ist.“ (Quelle: Quarks) Auch ist die Verwendung des generativen Genitivs nicht immer ganz eindeutig. Dies zeigt eine Studie, deren Proband*innen Satzkombinationen wie „Die Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof.“ und „Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Frauen keine Jacken.“ vorgesetzt bekamen. Die Frage an die Teilnehmer*innen der Studie war, ob der zweite Satz eine sinnvolle Fortsetzung des ersten darstelle. Anhand der gemessenen Zeit bis zur Beantwortung erhoffen sich Forschende, herauszufinden, wie gut Sprache und die dabei im Kopf entstehenden Bilder, zusammenpassen. Das Ergebnis lautete. „Die Reaktionszeit war immer dann länger, wenn im zweiten Satz Frauen vorkamen.“ Die plausible Schlussfolgerung lautet: „Das generische Maskulinum ist nicht generisch.“ (Quelle: Quarks)

Sprache hat also doch eine Auswirkung auf unser Denken und unser Verhalten. Den Verdacht, dass Sprache durch das Gendern schwerer verständlich wird, konnte eine Studie widerlegen, bei denen Studierenden Texte in herkömmlicher Form und gegendert vorgelegt wurden und darauf auf deren Verständlichkeit geprüft. Der Test ergab, dass beide Texte gleich verständlich waren.

FAZIT:

Verschwinden Gender Gaps tatsächlich durch die angepasste Anrede und Nennung der kompletten Zuhörerschaft? Die ganz großen Probleme der Ungleichberechtigung werden sich dadurch sicher nicht lösen – wenn wir aber nicht einmal sprachliche Barrieren überwinden können und wollen, welches ein relativ kleines Problem der gesamten Genderdebatte darstellt, werden wir wirklich tiefgreifende Probleme nicht lösen können und wohl kaum grundlegende Veränderungen im Denken erreichen.

Sehen wir das Gendern doch einfach als Form des Respekts an – jeder hat das Recht, direkt angesprochen zu werden. In offiziellen Kontexten, etwa in der Berufswelt, sollte Gendern mittlerweile angekommen sein – verstörend kann es dabei im privaten Umfeld wirken, wenn auf das stringente Gendern beharrt wird. Hier rate ich: Wer Toleranz fordert, sollte selber auch tolerant sein und flexibel, humorvoll im Umgang mit der Genderdebatte sein und auch Fehler zulassen (s. hierzu auch planung&analyse und Süddeutsche Zeitung).

Beispiele und Lösungsansätze für die gesprochene und geschriebene Sprache finden Sie im nächsten Beitrag, der bald folgt.

 

Quellen:

bpb:
Bundeszentrale für politische Bildung, 10.08.2020. kurz&knapp: Bevölkerung nach Altersgruppen und Geschlecht [online]. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung [Zugriff am: 21.02.2022]. Verfügbar unter: https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61538/bevoelkerung-nach-altersgruppen-und-geschlecht/

Duden:
Duden, (ohne Datum): Geschlechter­gerechter Sprach­gebrauch [online]. Berlin: Bibliographisches Institut GmbH [Zugriff am: 21.02.2022]. Verfügbar unter: https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/Geschlechtergerechter-Sprachgebrauch

Leschs Kosmos:
ZDF, 2021. Leschs Kosmos – Gendern – Wahn oder Wissenschaft? In: YouTube [online]. 05.10.2021 [Zugriff am: 18.02.2022]. Verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=LkWp4mrpg1s

Quarks:
SCHWENNER, Lara, 26.03.2021/aktualisiert: 10.02.2022. Geschlechtergerechte Sprache. Was Gendern bringt – und was nicht. Ob und wie wir gendern sollen, wird von vielen ziemlich emotional diskutiert. Nur fehlen oft: die wissenschaftlichen Fakten. Ein Versuch, das zu ändern. [online]. Köln: Westdeutscher Rundfunk Köln [Zugriff am: 22.02.2022]. Verfügbar unter: https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/was-gendern-bringt-und-was-nicht/

planung&analyse:
planung&analyse, 18.02.2022. Studie von Rheingold Institut zum Gendern. Warum der sprachliche Stolperstein auch verbinden kann [online]. Frankfurt/Main: planung&analyse – Zeitschrift für Marktforschung und Marketing [Zugriff am: 22.02.2022]. Verfügbar unter: https://www.horizont.net/planung-analyse/nachrichten/studie-von-rheingold-institut-zum-gendern-warum-der-sprachliche-stolperstein-auch-verbinden-kann-197973

Süddeutsche Zeitung:
Süddeutsche Zeitung, 17.02.2022. Studie: Gendern polarisiert auch in der jungen Generation [online]. München: Süddeutsche Zeitung GmbH [Zugriff am: 18.02.2022]. Verfügbar unter: https://www.sueddeutsche.de/leben/gesellschaft-koeln-studie-gendern-polarisiert-auch-in-der-jungen-generation-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-220217-99-170417

Wikipedia:
Wikipedia. Gendern [online]. Berlin: Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e. V. [Zugriff am: 21.02.2022]. Verfügbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Gendern

Foto: Adobe Stock

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